Rezension zu MYTHOLOGIA, dreibändiges Lehrwerk für den Griechischunterricht ab Klasse 7, entwickelt von einer Arbeitsgruppe des Niedersächsischen Altphilologenverband (NAV), hrsg. von der KWR – Stiftung, 2013

in: Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes (NRW), LXI 2 (2013) 42ff.

Dieses dreibändige Lehrwerk, entwickelt von S. Gieseke, J. Michners, Chr. Stock und A. Thun, soll ein Desiderat erfüllen, das angesichts der allgemeinen Reformitis in Niedersachsen entstanden ist: Sie führte zur Einführung der dritten Fremdsprache in der Jahrgangsstufe 7). Über die Sinnfälligkeit solcher Reformen, „konzipiert“ auf dem ideologisch politisierten Reißbrett der „Bildungsbürokratie“, ließe sich so trefflich wie wirkungslos streiten.

An sich ist eine solche Initiative schon gewinnbringend, weil der Markt für griechische Lehrwerke weniger als klein ist; denn die Gewinnmarge ist bei einem derart antiutilitaristischen und schöngeistigem Fach, das daher vielen Zeitgenossen als nicht „zeitgemäß“, als Zeitverschwendung oder als Inbegriff verteufelten Bildungsgutes gilt und deswegen abgetötet wird, schlicht zu begrenzt. Eine Alternative ist daher an sich schon zu begrüßen, erst recht wenn sie so gelungen ist.

Das Lehrwerk ist auf drei Bände angelegt. Es war für den Rezensenten nicht nachprüfbar, aber er geht davon aus, dass diese drei Bände in den ersten zweieinhalb bis drei Jahren des Griechischunterrichts Grundlage des Arbeitens sein sollen, so dass danach mit der Originallektüre (Platon (?)) begonnen werden kann.

Das Layout zumindest des ersten, schon publizierten Bandes ist modern und altersgerecht, man geht sofort in medias res, eine in diesem Fall durchaus angemessene Adaptation der modernen Fremdsprachen, deren Didaktik, Methodik und Ziele ansonsten nur in sehr begrenztem Maße auf die Ziele, Didaktik und Methodik der Klassischen Sprachen zu übertragen sind. Der erste Band umfasst in 12 Lektionen im Wesentlichen alle Deklinationen, Personalpronomina, das Praesens, Futur, den Aorist und das Imperfekt Aktiv der Verben, die verba contracta auf εω, in der Syntax werden allein AcI und Relativsätze behandelt. Diese inhaltliche Ausrichtung erscheint angesichts der Altersklasse mehr als angemessen, zumal (etwas zu selten) Bezüge zum Lateinischen hergestellt werden. In diesem Rahmen dürfte die Motivation der Schülerinnen und Schüler auch weiter aufrecht erhalten bleiben, da sich der erste Band inhaltlich allein in der Mythenwelt der Griechen bewegt, ganz analog zum Titel. Dabei sind die ersten fünf Kapitel im Sagenkreis um Troia, die Kapitel sechs bis elf im Sagenkreis um Herakles angesiedelt. Hier wäre vielleicht ein etwas stringenter Zusammenhang zwischen den einzelnen Kapiteln jeweils wünschenswert gewesen, er bleibt ein wenig bruchstückhaft, so dass es notwendig sein dürfte, das gesamte Bild des jeweiligen Sagenkreises mit/ von den Schülerinnen und Schülern zusammentragen zu lassen. Derjenige, der wie der Rezensent bei der ersten Durchsicht die spannende Gestalt des Odysseus vermisst, sei auf die weiteren Bände verwiesen (s. u.). Das zwölfte Kapitel beschäftigt sich mit den mythischen Königen Athens und bildet damit einen guten Ausgangspunkt für den zweiten Band, dessen erste Lektionen ganz konventionell einen Einblick in das Alltagsleben der Polis Athen gewähren. Schlüssiger wäre es vielleicht gewesen, den Schwerpunkt mehr auf Theseus zu legen, sowohl aufgrund seiner Bedeutung für Athen und seine mythischen Legitimationen in historischer Zeit als auch wegen des Bezugs zu Herakles.

Die Texte sind dem jeweiligen Lernstand angemessen und altersgerecht, dasselbe gilt für die zahlreichen und guten Übungen. Sie stehen in einem ausgewogenen Verhältnis. Gleichzeitig wird aber eben auch ein besonderer Schwerpunkt auf die inhaltliche Auseinandersetzung gelegt, so dass den Schülerinnen und Schülern ein erstes methodisches Instrumentarium zur Auswertung von Texten an die Hand gegeben und ein tieferes Eindringen in die antike Sagenwelt ermöglicht wird. Der sich modern und schülerorientiert gebenden Reduzierung des altsprachlichen Unterrichts auf die Vermittlung zusammenhangloser Inhalte und indifferenter kultureller Informationen, mithin dem Verzicht auf sprachliche Reflexion und auf die Funktion der Alten Sprachen als „Basissprachen“ wird in dieser Form ein sinnvoller und konziser Riegel vorgeschoben. Natürlich liegen die Möglichkeiten auf der Hand, dies mit dem Geschichts- und Lateinunterricht zu verknüpfen, Vergleiche mit römischen Vorstellungen herzustellen etc. Dies gilt auch für den Einsatz von Bildern, der sich wohltuend von der comicgleichen Überfrachtung anderer Lehrwerke abhebt. Bilder sind nämlich hier eher dezent gesetzt, ihr Bezug zum Text erschließt sich unmittelbar, sie können also sinnvoll zur Veranschaulichung oder Vertiefung genutzt werden.

Dem Rezensenten lagen auch die Bände 2 und 3 des Lehrwerks vor, die noch nicht publiziert sind. Sie sind daher weder im Layout noch in der Illustration endgültig gestaltet, so dass sich Aussagen darüber an dieser Stelle verbieten. Wie oben angedeutet, erscheint der Übergang zwischen ersten und zweiten Band inhaltlich sehr gelungen. Letztlich wird die historische Polis Athen in den Lektionen 13–16 vorgestellt, Anknüpfungspunkte für eine Auseinandersetzung mit dem Theaterwesen, Staatsformen und ähnlichen Themen, die im Deutsch- und Politikunterricht angesprochen werden könnten, gibt es genügend. Wenig stringent erscheint aber das Kyklopenabenteuer des Odysseus, das auf drei Lektionen ausgebreitet wird (17–19), zumal die folgenden Lektionen wieder einem historischen Thema gewidmet sind, dem Makedonenkönig Alexander (20–22). Die daran anschließenden letzten drei Lektionen hingegen sind wiederum schön gewählt, weil einerseits die Person und die Philosophie des Diogenes gut aus dem Thema Alexander entwickelt werden kann, anderseits die Suche nach dem Glück, die anhand der herodoteischen λόγοι von Kleobis und Biton bzw. Kroisos und Solon thematisiert wird, gute Anknüpfungspunkte für die Texte des dritten Bandes bieten (s. u.). Der zweite Band ergänzt in diesen Lektionen die Personal- und Demonstrativpronomina, komplexere Morpheme der Deklinationen und verba contracta auf αω, seine Schwerpunkte allerdings liegen auf der Vermittlung der Partizipien (Aorist/ Praesens) und der Partizipialkonstruktionen einerseits und auf den genera verbi andererseits. Zudem wird der Konjunktiv in Haupt- und Nebensätzen und die Komparation eingeführt, die hier „Steigerung“ genannt wird (23–25). Sprachlich gesehen bedeutet dieser zweite Band im Vergleich zum ersten also eine Steigerung des Anspruchs, der aber dem Alter und Lernstand (8. Klasse) angemessen erscheint, zumal wenn man bedenkt, dass im Lateinunterricht vergleichbare Phänomene eingeführt werden und sich insofern durch den Vergleich neudeutsch Synergieeffekte einstellen können. Es ist keine Überfrachtung. Auch im zweiten Band stehen Übungen und Texte in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander, wobei zu beobachten ist, dass die Texte und damit auch die Lektionen einen immer größeren Umfang einnehmen. Dies ist den grammatischen Themen geschuldet und scheint auch durchaus altersgerecht, dennoch könnte eine Gefahr darin liegen, dass der Umfang die Motivationskraft der Schülerinnen und Schüler übersteigt.

Dieses Phänomen zeigt sich zu Beginn des dritten Bandes, da die Texte in den ersten Lektionen mehr als fünf Seiten einnehmen können. Die Übungen und Arbeitsaufträge werden zumindest bei diesen Texten im Vergleich zu den ersten beiden Bänden allerdings zurückgenommen. In den weiteren Lektionen ist das Verhältnis ausgewogener. Die inhaltliche Anlage des dritten Bandes ist wieder stringenter als die des zweiten Bandes, auf Herodot und Thukydides fußend werden die Persischen und der Peloponnesische Krieg behandelt (26–29), wobei hier sowohl der Konflikt zweier unterschiedlicher Gesellschaftssysteme (Athen–Sparta (28/ 29) als auch das philosophische Problem des Machtmissbrauchs erarbeitet werden kann (29). Dass letzteres erwünscht ist, zeigt der Wechsel zu philosophischen Themen in Lektion 30, in der die Diskussion zwischen Kallikles und Sokrates aus dem Gorgias über das „Recht des Stärkeren“ behandelt wird. Die Frage der Gerechtigkeit beschäftigt daher die Lektionen 30–32, die Frage der Tugend schlechthin Lektion 33. Dem schließt sich eine Lektion über einen Naturwissenschaftler (Archimedes) an (34 B). Einen gewissen inhaltlichen Bruch bedeutet demgegenüber die letzte Lektion, die dem Rechtswesen gewidmet ist und letztlich nur einen umfangreichen zusammenhängenden Text bietet. Man kann natürlich so argumentieren, dass die umfangreicheren Texte dieses dritten Bandes die Schülerinnen und Schüler an die anschließende Arbeit mit der Originallektüre vorbereiten sollen.

Manche Lektionen (31/ 32/ 34 A) sind mit einem Asterix versehen, möglicherweise soll dies bedeuten, dass man diese Lektionen auslassen kann, zumal die beiden Texte 31 und 32 keine neuen grammatischen Sujets haben. Schwerpunkte dieses Bandes sind die Partizipien im Futur, der Optativ und Infinitivkonstruktionen, zudem werden unregelmäßige Komparation, die jetzt auch so heißt, die Adjektive auf ύς, εία und ύ, der Wurzelaorist und das defektive Perfekt ergänzt.

Insgesamt sei zum Schluss gesagt, dass jeder an jedem Lehrwerk etwas Kritisches finden kann. Doch Mythologia vermittelt auf altersgerechte, sinnvolle und praktikable Weise die griechische Sprache, so dass vergleichsweise junge Schülerinnen und Schüler altertumskundlich, sprachlich wie methodisch gut vorbereitet zur Originallektüre schreiten können. Der Rezensent jedenfalls wird sich bemühen, dieses Lehrwerk an seiner Schule zu etablieren.

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